Katja Loher

Will the Moon Ask the Tide to Swallow the Land One Day?

22.3.2013 - 11.5.2013

 

In Märchen und Film dienen Kristallkugeln als magische Fernrohre in die Zukunft. Die Glaskugeln Katja Lohers indes bergen vielschichtige Reflexionen unserer Welt. Ganz ohne Simsalabim. Man muss nur hinein schauen, schon offenbart sich ein farbenprächtiger Videokosmos voller Glanz, voller Leben.

 

Bubbles nennt die in New York lebende Schweizerin ihre selbstentworfenen Glaskugeln, die von einer Glasbläserin gefertigt werden. An Luftblasen und Seifenschaum erinnern die Bubbles nicht nur dem Namen nach. Fragil ist das sternenklare Glas, wie schwerelos schweben dreidimensionale Videobilder im Innern. Tänzer in leuchtenden Kostümen formieren sich zu kaleidoskopischen Mustern und Ornamenten, auch zu Buchstaben und Worten, die sich zu Fragen reihen, poetisch, hintergründig, klug. Diese Fragen, inspiriert vom chilenischen Dichter Pablo Neruda, klingen lange nach.

 

Katja Lohers Kunst spricht unmittelbar an – und bleibt zugleich so schwer fassbar wie eine lockende Spiegelung. Aufgenommen sind die Videos stets aus der Vogelperspektive, vor ihnen wird man zu einem modernen Gulliver, der unbeholfen über einem Mini-Paradies steht. Ähnlich ergeht es den Figuren in Toybubble: In zwei Glasblasen sind Videos je eines Tanzenden zu sehen. Die kurzen Tanzloops erinnern an computergenerierte Toys wie die Tamagotchi-Küken. Doch diese Toys wachsen über ihr programmiertes Verhaltensrepertoire hinaus. Sie entdecken ihr Gegenüber im Nachbarglas. Die Spielfiguren werden empfindende Wesen, die ihrer Kunstwelt nicht entkommen können. Die in Flaschen gebannten Geister und Menschen der Märchenwelt, wie sie in den Erzählungen aus 1001 Nacht ebenso anzutreffen sind wie in E.T.A. Hoffmanns Der goldene Topf, klingen hier ebenso an, wie der Science-Fiction Klassiker Blade Runner, in dem vom Menschen geschaffene Roboterwesen ein Eigenleben entwickeln und daraufhin von den Menschen gefürchtet werden. Es geht um Kontrolle, um Menschen, die wie Maschinen funktionieren und umgekehrt, es geht um Einsamkeit und Macht, kurz: um die dunklen Seiten des Lebens. Und was im Märchen die Zauberei, das ist bei Katja Loher die Technik, die das Gute ebenso bewirken kann wie das Böse.

 

Katja Loher komponiert ihre Wunderwelten mit Tanzprofis und Choreographen, mit Musik und Kostümen, die präzise aufeinander abgestimmt sind. Und mit modernster Videotechnik, die in ihren Ausstellungen unsichtbar bleibt. In vielen Wohnzimmer ist Unterhaltungselektronik ganz normal, doch Katja Loher inszeniert ihre Videoskulpturen nach der alten Artistenweisheit: einem perfekten Kunststück sieht man die Arbeit nicht an. Für die Bubbles gilt das ebenso wie für ihre raumgreifenden Installationen und die Videoplaneten, für die sie Wetterballons als Projektionsflächen nutzt. „Aggressive Beauty“ nennt Katja Loher ihr geniales Konzept, Kunstwelten zu erschaffen, die den Betrachter mit makellosen Bildern verlocken, näher zu treten, um ihn dann en passant mit gewichtigen Fragen zu konfrontieren. Ihre je für Zwei gedeckten Videotische laden dazu ein, Platz zu nehmen in der Kunst. In Gläsern und Karaffen und in tellerrunden Öffnungen sind Videos zu sehen: Nahrung für die Augen, die die Nahrung für Leib und Geist thematisiert. In Last Supper tänzelt auf einem der Tellerscreens ein fröhliches Bienenballett als Sinnbild natürlichen Werdens und Reifens. Vis-à-vis verweisen Tabletten und Trockennahrung auf das von Wissenschaftlern prognostizierte Bienensterben und dessen mögliche Folgen für unsere Ernährung. In Supper for Two reihen sich getanzte Buchstaben auf den Tellerscreens zu Fragen, die im ersten Moment an den Abend-Smalltalk eines allzu vertrauten Paares denken lassen. Doch durch eine kleine absurde Note führen sie in die Abgründe des ganz normalen Lebens: How many hours had your day? What didn't you do?

 

Parallel zur Präsentation ihrer jüngsten Arbeiten in der Galerie Andres Thalmann zeigt das Haus für Kunst Uri, Altdorf, unter dem Titel Miniversum eine Werkschau der Künstlerin. Für beide Ausstellungen kreierte Katja Loher das Multiple Are the Bees Looking for Gold?.

 

Alice Henkes

 

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