Ian Davenport

Mirrors and Light

Vernissage Donnerstag, den 2. Juni 2022, 18–20 Uhr

Ausstellung, 3. Juni – 16. Juli, 2022

 

 

Kraftvolle, leuchtende Farben fliessen in langen, vertikalen Bahnen über eine Aluminiumplatte. Sie erzeugen ein Muster, das klar und dynamisch ist. Der untere Rand der Aluminiumplatte ist leicht gebogen. Dort laufen die Farben in psychedelisch anmutenden Pfützen aus, denen die Bilder ihren Namen verdanken: Puddle Paintings.

 

Mit seinen Streifen-Bildern hat Ian Davenport sich in die Kunstwelt eingeschrieben und eine eigene Bildsprache entwickelt, die unver-wechselbar ist und dennoch unendlich wandelbar. Seine Puddle Paintings wirken wie ein Fest der Farben – eine klar und doch raffiniert komponierte Ode an die Lust am Sehen und an der Kunst. Doch die Werke sind weit mehr als das: Ihr Entstehungsprozess erinnert an die Arbeit eines Mediziners oder Wissenschaftlers, denn Ian Davenport „malt“ mit Spritzen. Mit ihnen trägt er die Farben am oberen Rand einer Aluminiumplatte auf, die er dann herabrinnen lässt. 

 

Nicht nur die Spritze verbindet Ian Davenport mit dem Wissenschaftler, auch die Neugier. Hinter den Streifen auf seinen Bildern steckt ein forschender Geist. In einem Teil seines bisherigen Œuvres geht die Farbpalette seiner Puddle Painting auf bekannte Werke der Kunstgeschichte zurück. Zum Beispiel auf Édouard Manets Olympia (1863). Ian Davenports  gleichnamiges Puddle Painting, das aus der Beschäftigung mit diesem Werk der Moderne hervorgegangen ist, wird auch in der Ausstellung zu sehen sein. Davenport analysiert die Werke auf die in ihnen vorkommenden Farben hin, isoliert diese Farben und lässt sie als Streifen über die Metallplatte laufen – ein völlig neues Kunstwerk entsteht.

 

In seinen aktuellen Arbeiten nimmt Ian Davenport die Gesellschaft in den Blick. Seine Mirrored Paintings verraten bereits im Titel, dass sie die Themen Reflexion und Selbstbetrachtung aufgreifen. Die Arbeiten beziehen sich auf die zurückliegende Pandemie – für viele Menschen eine Zeit des Rückzugs, der stillen Auseinandersetzung mit sich selbst und dem eigenen Leben.

 

Ian Davenport reagiert in seinen Arbeiten sehr subtil auf die Zeitläufe und die Befindlichkeiten, die sie hervorrufen, indem er die Anordnung der Farben einer streng symmetrischen Ordnung unterwirft. Eine vertikale Mittellinie teilt die Bilder. Die Farbfolge der rechten Hälfte entspricht genau jener der linken. So wirken die beiden Bildhälften wie gespiegelt.

 

Diese Symmetrie erzeugt ein Gefühl der Ruhe. Die Bilder wirken konzentriert und harmonisch, obwohl die Farben durchaus lebhaft sind. In einigen Fällen (zum Beispiel Red Centre, 2022) entsteht durch die symmetrische Ordnung in der Bildmitte der Eindruck eines geschlossenen Vorhangs, der sich jederzeit öffnen könnte, um neuen Bildern, neuen Erfahrungen, neuen Gedanken Raum zu geben.

 

Ian Davenport (*1966) wurde bereits 1991, im jungen Alter von 25 Jahren, für den Turner Prize nominiert. Internationale Bekanntheit erlangte er mit zahlreichen Ausstellungen und markanten Projekten im öffentlichen Raum. Sein aktuelles Grossprojekt ist die Gestaltung einer Treppe am Chiostro del Bramante in Rom. Leuchtende Farbbahnen fliessen die Stufen herab. Eine einzigartige Vermählung der Renaissance-Architektur von Donato Bramante und der zeitgenössischen Kunst von Ian Davenport. Die Arbeit ist noch bis zum 8. Januar 2023 in Rom zu sehen.

 

Alles fliesst – diese philosophische Formel gilt auch für eine kleinformatige neue Serie des britischen Künstlers mit diagonalen Streifen, die sich wie Wellen durch den Bildraum winden. Auf einigen der Farbwogen sitzen kleine Bläschen, wie Lichtreflexe oder wie Spuren von Gischt. Bildtitel wie Flow oder Current verweisen zusätzlich auf das Element des Wassers sowie auf die emotionalen Bewegungen im Innern des Menschen.

 

Noch radikaler wirkt das Element der Bewegung in einer weiteren neuen Serie, in der Ian Davenport flüssige Farbe frontal auf Papier spritzt. So entstehen wild ausfransenden Flecken und unregelmässige Verlaufsspuren, die an die Drippings des abstrakten Expressionismus erinnern oder auch an Graffiti-Tags auf Strassenwänden. Ian Davenport hat bereits vor einigen Jahren begonnen, Bilder mit dieser rauen, explosiven Dynamik anzufertigen. Er arbeitet dabei mit unterschiedlichen Grundierungen – zum Beispiel mit einem lichten, schwebenden Grau oder einem dunklen, nächtlichen Ton – um verschiedene Stimmungen, verschiedene „Klänge“ auszudrücken. So entstehen Bilder, die wie Momentaufnahmen von Zuständen wirken, von Zeiten dunkler Gedankendurchwältzheit oder von Momenten sprühender, vibrierende Lebensfreude und Dynamik.

 

Alice Henkes


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