Claude Viallat

Oeuvres récentes

 

30. August - 2. November, 2019

Vernissage 29. August, 2019

 

 

 

In der Wiederholung liegt die Kraft und die Vielfalt

 

Eine Schablone dient Claude Viallat als Instrument eines künstlerischen Erneuerungsprozesses. Das klingt irritierend. Normalerweise verbindet man mit einer Schablone die Idee der Normierung. Doch bei Viallat wird die Wiederholung der immer gleichen Form zu einer Geste der Abkehr von klassischen Prinzipien der Malerei. Seit einem halben Jahrhundert malt der französische Künstler immer wieder das gleiche Motiv. Und doch gleicht kein Bild dem anderen. Das liegt auch an den ungewöhnlichen Malgründen, die Claude Viallat verwendet. 

 

Claude Viallat malt auf Tischtücher und Bettlaken. Er näht Küchenschürzen und Kissenbezüge zusammen, Jutesäcke und Schirmbespannungen. Der Künstler verwendet Stoffe, die er gefunden hat und die deutliche Gebrauchsspuren aufweisen. Die Textilien sind nicht einfach Bildträger, sie sind wichtige Gestaltungselemente. Streifen- oder Blümchenmuster werden nicht übermalt, sondern ins Werk mit einbezogen. Und auch die Webart der Textilien schreibt sich dem Werk ein. Viallat verzichtet auf traditionelle Keilrahmen. Er installiert die bemalten Stoffe frei hängend, als weiche, manchmal etwas formlose Objekte.

 

Claude Viallat, Jahrgang 1936, unterwandert mit seiner Arbeit alles, was klassischer Malerei entspricht. Geboren in Nimes, hat er in Montpellier und Paris studiert. Er war Mitbegründer der Supports-Surfaces-Bewegung, die sich in den 1970er Jahren die Erforschung unterschiedlicher Ausdrucksformen des Bildträgers (franz.: support) und der Bildoberfläche (franz.: surface)zum Ziel nahm. Viallats Abkehr von Keilrahmen und Leinwand markiert einen radikalen Protest gegen das klassische Tafelbild mit seinem gerahmten – und damit auch sehr eng umgrenzten – Rechteck. In Frankreich ebenso wie in der internationalen Kunstwelt wird Claude Viallat als einer der grossen radikalen Erneuerer der Kunst gefeiert. Seine Werke werden international in grossen Ausstellungshäusern gezeigt, wie im MOMA, New York, im Centre Pompidou in Paris, im Musée des Beaux Arts in Montréal oder im National Museum of Art in Osaka, um nur ein paar wenige zu nennen. Bereits zweimal hat er Frankreich an der Biennale in Venedig vertreten.

 

Zu Claude Viallats radikalem Konzept gehört nicht nur die Wahl ungewöhnlicher Bildträger. Auch mit seinem Motiv wendet Viallat sich vom Bild als Abbild ab. Er verwendet seit Jahrzehnten eine Form, die weder organisch noch geometrisch ist, die simpel wirkt und zugleich geheimnisvoll. Sie ähnelt einem Rechteck mit runden Ecken. Sie wurde schon als Kartoffel tituliert, als Amöbe oder nasser Badeschwamm. Oder auch als kubistisches Fragezeichen. Der französische Kunsthistoriker Bernard Ceysson sah in der eigenwilligen Form gar eine Verschmelzung, die „aus einer radikalen Metamorphose eines Frauenkörpers und eines Stierkopfes, quasi eine Tochter von Minos und Pasiphaë, hervorgegangen zu sein scheint, so als vermehre sie sich von selbst, wie in einer Arena aus Stoff, während eines mythischen Stierkampfs, bei dem der Künstler in einer unmittelbaren, eindrucksvollen Konfrontation der Malerei begegnet.“ 

 

Auch wenn man es ein wenig nüchterner betrachtet, so bleibt doch klar der Eindruck, der Künstler habe einefür ihn ideale, weil „beliebige Form“ gefunden, die sowohl nichts als auch alles bedeuten kann. Und die sich, mit der Schablone aufgetragen, in all-over-patternsüber Textilien aller Art zieht. Claude Viallat variiert mit möglichst reduzierten Mitteln auf maximalem Niveau. Manche seiner Werke sind lang wie Banner, andere aus mehreren unterschiedlichen Stoffen montiert. Farben und Rhythmen der Stoffmuster wechseln ebenso wie jene der aufgemalten Formen. Löcher im Stoff oder Schürzenbänder werden ganz selbstverständlich in die Arbeit integriert. Claude Viallat unterwirft sein Material keiner vorab entworfenen Idee, sondern reagiert darauf, macht das Material zum Mitspieler, lässt sich von Zufällen und Eigenheiten inspirieren. Aus diesem Prozess heraus entstehen Werke, die keine Lesart vorgeben, keine Blickführung, sondern sich den Betrachterinnen und Betrachtern frei und offen präsentieren.

 

Alice Henkes

 

 

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