Barbara Ellmerer

New Paintings

 

24. November - 16. Januar, 2021

Vernissage Samstag und Sonntag, den 21. & 22. November 2020

 

 

 

 

Es gibt leichte Formen, die an Wolken erinnern oder Wasserwirbel, Wellengekräusel oder ferne Hügel. Ein Grün wie das Zitat einer Wiese. Vertikale Strukturen, die Gebäude sein könnten. Ein Leuchtturm zum Beispiel. Ein Leuchtturm, der Dunkelheit ausstrahlt. Und zwischen alledem die körnige Weite von ungrundiertem Leinen. Von rauhem, rohem Stoff, der zum Fantasieren und Fabulieren einlädt. Anlass dafür ist ein Gedicht Sapphos, das nur als Fragment überliefert ist. In 26 Bildern nähert sich Barbara Ellmerer diesem Gedicht, indem sie Lücken mit farbigen Tumulten kontrastiert.

 

Barbara Ellmerer, eine Künstlerin, die normalerweise generös mit Farben und Formaten umgeht, hat kleinere Leinwände für sich entdeckt, leichtere Farbaufträge, landschaftliche Motive mit viel Leerraum. Eine Hommage an diese vielsagende Leere, die sich in der klassischen japanischen Kunst findet. In Landschaften, die ohne Perspektiven entstehen, in Haikus, die scheinbar ohne jeden narrativen Faden auskommen. Kunstwerke, die dem Betrachter oder der Leserin einzelne Motive an die Hand geben – eine Blume, eine Wasserwoge, ein Blatt, einen Vogel – und dazu auffordern, aus diesen Mosaiksteinchen eigene Bilder, eigene Gedanken zu entwerfen.

 

Ähnlich reduziert wirken Barbara Ellmerers Bilder, in denen Landschaftliches anklingt. Es sind Bilder, die auf die Bewegung des Gehens hinweisen. Blätter und Blüten, Wege und Wogen, das Wiesengrün, das Schattengrau sortieren sich neu für den Gehenden und Denkenden. Gehen und Denken gehörten nicht nur für die antiken Philosophen unabdingbar zusammen. Das Gehen treibt das Denken an. Und im gehenden Denken und denkenden Gehen erkennt man: Die Welt, die man durchstreift, ist nie zu Ende durchdacht. Es bleiben Lücken im Verständnis: Resträtsel.

 

Die Schweizer Künstlerin Barbara Ellmerer widmet sich der Erforschung der Natur mit künstlerischen Mitteln. Sie sucht mit dem Pinsel in die Welt der Atome vorzudringen, tastet nach dem Vibrieren, das der verborgene Motor des Lebens erzeugt. Sie betreibt Naturphilosophie mit den Mitteln der Malerei. Barbara Ellmerer malt, als tippe sie mit der Pinselspitze vorsichtig und forsch zugleich an die Triebfedern der Existenz. Malend fragt sie, was das Leben im Innersten antreibe, woher die Kraft kommt, die alles Werden und Sein lässt.

 

Jetzt weitet sie ihre gestalterische Suchbewegung erneut aus. Nicht nur das innere Leben der Pflanzen, der Geschöpfe interessiert sie. Die in Zürich lebende Künstlerin tritt gewissermassen einen Schritt zurück und schaut nicht mehr auf Blattrippen, sondern auf Hügelkuppen, auf offene Räume. Der fragende Blick geht nicht mehr in den mikroskopischen Bereich, er geht ins Weite. Wohl wissend, dass die Welt – die eigentliche Welt – erst im Kopf entsteht.

 

Barbara Ellmerer versteht es, Bilder zu erschaffen, die das Denken ebenso ansprechen wie das Sehen, die sich auf Poesie und Philosophie ebenso berufen wie auf Motive der Kunstgeschichte. Neben den kleinformatigeren Bildern, entstanden in den letzten Monaten auch grosse Gemälde in Öl, die enger verwandt sind mit älteren Arbeiten der Künstlerin. Der satte Farbauftrag, der den Bildern eine fast reliefhafte Struktur gibt, die kräftigen, zum Teil schrillen Töne und harten Kontraste – sie sind typisch für Barbara Ellmerers künstlerische Handschrift. Ungewöhnlich aber ist, dass die Motive deutlich an Blumenbouquets erinnern und damit an eine Spielart klassischer natures mortes. Sie sind während des Lockdowns entstanden. Stillleben sind traditionellerweise Bilder, die Stillstand vorgeben, dabei aber von nichts anderem erzählen, als von der Bewegung der Zeit. Von trockenen, ehemals saftigen Trieben. Von welkender Anmut zarter Blüten. Vom erdigen Geruch des Herbstes, der die heiteren Düfte des Frühlings zudeckt.

 

Barbara Ellmerer erzählt von dieser unausweichlichen Bewegung des Lebens mit einer besonderen, einer fordernden Heftigkeit. Ihre Bouquets dämmern in nächtlichen Farben. Hier und da leuchtet ein grünliches Gelb voll toxischer Energie. Oder ein zuckeriges Rosa hüllt unseren Blick ein, weich und schmelzend, plötzlich durchbrochen von dunklen Flecken.

 

Natur, mit Barbara Ellmerer betrachtet, ist Ausgangs- und Endpunkt von Schönheit und Schrecken, von Glück und Schmerz und ewiger Reibungspunkt für jene Wissbegierige, die ihr Geheimnis ergründen wollen. Und dabei immer wieder ins Spekulieren geraten.

 

Alice Henkes

 

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